Thema:

| von Lutz Richter

»Wisst ihr Deutschen das?«(1)

Alter Mann sitzt auf einem Koffer und schaut in den Sonnenuntergang

Hiermit beende ich meine aktive Teilnahme am Reproduktionsprozess und stelle meinen deutschen Pass für Wirtschaftsflüchtlinge zur Verfügung.

Begründung:

1. Wegen Bewusstwerdung eines bestehenden Handlungsbedarfs:

Wir führen zurzeit zwei große Kriege:

A. Den Krieg Reich gegen Arm. Im Zuge dieses Großen Weltkriegs finden unzählige Scharmützel statt, die alle ihre Ursache in diesem »Eigentumsdelikt« haben.

B. Den Krieg Meinungsvielfalt wider wissenschaftliches Wissen. Je weniger die Individuen erwarten können, dass sie übereinstimmen, desto überraschender, aber auch gefährlicher werden ihre Begegnungen.

Diese Kriege währen schon sehr lange, aber ihre Komplexität hat in dem Maße zugenommen, wie die Vergesellschaftung der Produktion, die Globalisierung an Fahrt aufgenommen hat. Die Produktivitätssteigerung durch die wissenschaftlich-technische Entwicklung hatte nur zum Schein das Ziel, den Menschen zu entlasten. Sie ist in Wahrheit der Totengräber der Menschlichkeit. Profit! Um nichts anderes geht es.

Es entsteht eine Herrschaft der Tech- und Finanzoligarchen, die sich nicht mehr zu legitimieren brauchen, weil sie die Kontrollen ihrer Machenschaften einfach ignorieren. Sie scheißen die staatlichen Regularien mit ihrem Geld zu.

Die Digitalisierung ist das Handwerkszeug und der Brandbeschleuniger dieser autoritären Strukturen. Unsere natürliche Zuhandenheit zu all dem Zeug um uns herum löst sich in eitler Individualität der Technologiegläubigen auf. Während wir in Deutschland noch darüber streiten, ob in der Wirtschaft mehr Sozial oder mehr Markt angesagt sein soll, halten sich die Tech-Oligarchen, die sich Nutzer wie Cloudleibeigene halten, mit der Frage nach Humanität und sozialer Gerechtigkeit nicht mehr auf.

Die digitale Revolution steht ungebremst für die Möglichkeiten der Bedürfnisbefriedigung, für die Wünsche elitärer Einzelpersönlichkeiten zur Verfügung.

So wünschenswert es wäre, wissenschaftliches und technisches Wissen ideologie- und interessensfrei für das Gemeinwohl zur Verfügung zu stellen, so werden aber, wenn die Wächter der Anwendung und Verwendung der Technik sich selbst die Nächsten sind, wenn sie Grenzen unserer biologischen und sozialen Strukturen missachten und Daten und Klicks der Nutzer zur neuen »Währung« machen, ebendiese Wächter als faschistoide Zauberlehrlinge unsere Häuser ersaufen lassen.

Die Wissenschaft wird zum Handlanger elitärer Machtstrukturen. Neuorientierungen sind unerwünscht, Kriegsursachen werden einfach weggelassen. Reformen ändern nichts Wesentliches, solange sie die Grundbücher nicht ins Visier nehmen.

So wie der Kapitalismus mit der freien Konkurrenz begann, endet er nun am Tisch der Machteliten. Das Resultat sind u.a. kranke, verhungernde und getötete Kinder.

Es folgt: Anarchie.

Die Rechtsmittel zur Sicherung der Demokratie (mit und ohne Republik) sind einfach nicht mehr zeitgemäß. Der Inhalt der Reproduktion der gesellschaftlichen Bedingungen hat diesen wohlfeilen Spielplatz mit Linien, Grenzen und Regeln einfach außer Kraft gesetzt.

Recht und Ordnung waren zwar nie wirklich der Garant für eine Einbindung des Menschen in das Reich der Natur und deren materielle Prämissen. Wenn sich aber nun die Rechtsmittel und die Ordnungsprinzipien in einer nie dagewesenen Pluralität der Weltanschauungen ergehen, gebeugt werden oder einfach – ohne Folgen – nicht beachtet werden, triumphiert die Eitelkeit und der Allmachtswahn der Thiels, Trumps, Erdogans, Netanjahus, Putins und und und

Das Urvertrauen in die Besonderheit unseres individuellen Eingebunden-Seins wird täglich schwächer. Wir suchen ein klein bisschen Sicherheit und stolpern dabei aus der Geborgenheit des Universums.

2. Wegen meiner beruflichen Inkompetenz, die Unbilden des Kapitalismus kompensieren zu können:

Einige für mich als Kaufmann wesentliche Unbilden sind: 

2.1. Steigende Rohstoffpreise und Wareneinsatzkosten, infolge des Mangels, der Spekulation, der Korruption und des Betrugs.

2.2. Der Endverbraucher ist nicht bereit, für unsere Leistungen infolge von 2.1. mehr zu zahlen (Aldi auf, Aldi zu).

2.3. Der zu Recht bestehende Anspruch der Arbeitnehmer, gleichwertig an der Konsumtion teilnehmen zu können, bedarf einer angemessenen Bezahlung. Die kann aber der Arbeitgeber nicht gewährleisten, wenn er seine Leistung wegen 2.1. und 2.2. nicht verkauft bekommt und in den kleinen Unternehmen darüber hinaus keine Wertschöpfung stattfindet.

2.4. Die Nichtauslösbarkeit – respektive verunmöglichte Rückzahlung – der Privateinlagen, der Kredite und sonstiger Hilfeleistungen durch Familie und Freunde aus dem Betriebsergebnis zerstören das, wofür es eigentlich zu arbeiten galt.

3. Wegen altersbedingter Einschränkungen – die Gründe liegen auf der Hand, im Kopf und im Bewusstsein:

3.1. Missverständnisse durch unzeitgemäße Einschätzung pekuniärer Sachverhalte in den kleinen wie in den großen Dingen. (Ohnmächtige Akzeptanz der Preise an der Tankstelle – Diesel 2,37 € – und Fassungslosigkeit über die Beihilfe zu Kriegsverbrechen, Folter und Verschleppung in Mosambik, ausgehend vom französischen Gaskonzern Total Energies.(2))

3.2. Plötzliche Tobsuchtsanfälle bei der Lektüre der Tagespresse und beim Anschauen der unten aufgeführten Dokumentationen.

3.3. Schwierigkeiten bei der Verständigung mit den Arbeitnehmern, Beamten und Arbeitslosen hinsichtlich ihrer Arbeitseinstellungen und deren Rechtfertigung.

3.4. Schlafapnoe, Atemaussetzer, Tagesmüdigkeit und Konzentrationsprobleme wegen schlechten Gewissens infolge der Teilnahme an dem Dilemma von Freiheit und Ausbeutung meiner Artgenossen im Iran, in Palästina, Nigeria, der Rohingya und vieler anderer.

3.5. Zunehmendes Erwachsenen-ADHS bei Kontakten mit Ämtern, Behörden, Vereinen und sonstigen gemeinnützigen Kapitalverwaltern.

3.6. Einsamkeit und soziale Isolation infolge der persönlichen Gesellschaftskritik.

Lutz Richter

Anmerkungen

(1) Thomas Mann stellte die Frage zum Holocaust: »Wisst ihr Deutschen das?« – Ab Oktober 1940 greift der Literaturnobelpreisträger Thomas Mann auf seine Art aus dem Exil in den Zweiten Weltkrieg ein: Monatlich sendet die BBC seine Ansprachen an die Deutschen. Den Massenmord an den Juden prangert er in der Sendung am 27. September 1942 an; https://www.ndr.de/geschichte/chronologie/Thomas-Mann-zum-Holocaust-Wisst-ihr-Deutschen-das,thomasmann135.html (besucht am 24.7.2026).

(2) Über dieses Thema berichtet frontal in dem Beitrag »Siemens in Mosambik. Missachtung der Menschenrechte« am 9.6.2026. Siehe: https://www.zdf.de/video/magazine/frontal-das-magazin-100/frontal-vom-9-juni-2026-100 (besucht am 23.7.2026).

(3) Anlage (Quelle: ZDF-Mediathek):

Zurück zur Newsübersicht