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| von Lutz Richter

Ostern – mehr als wir zu wissen meinen

Der fliegende Bär über Schneeweißchen und Rosenrot

Liebe Enkel,

es geschehen Dinge zwischen Himmel und Erde, die uns nicht nur entsetzen, sondern die sich auch unserer Erklärung entziehen – Grund für das Publikum, ihren religiösen und meist abergläubischen Trieben zu frönen und aus dem zunächst Unerklärlichen etwas Mystisches zu machen. Das neuere Publikum geht mit diesen Erscheinungen sehr verschieden um.

Auf der einen Seite bleibt nicht mehr vieles, was unerklärlich wäre, zumal das heutige Publikum generell eine Erklärung parat hat. Diese Einblicke sollen uns stolz und selbstsicher machen, derweil das Wissen vom Ganzen doch eher zur Demut einladen sollte, denn unsere Möglichkeiten, Raum und Zeit wirklich zu erfassen, sind relativ gering.

Auf der anderen Seite boomt ein Markt moderner Scharlatanerie, die mit allen Mitteln der medialen Kunst und Zunft vortäuscht, ein bestimmtes Wissen oder bestimmte Fähigkeiten zu besitzen, um das Unerklärliche zu Geld zu machen oder andere ähnliche Vorteile zu erlangen.

Ganz anders gehen Märchen mit dem Unerklärlichen um. Hinter einem psychologischen Symbolismus (denken Sie dabei zum Beispiel an Schneeweißchen und Rosenrot) verbirgt sich ein Konzept der Integration von Unerklärlichem in die Naturzusammenhänge, um auch das Fremde und Bedrohliche in die Welt des Menschen einzufügen.

Wenn unsere Wissenschaftler – insbesondere Neurologen, Psychologen und Philosophen – über das Bewusstsein des Menschen schwätzen, tappen sie noch immer am Rande der Erklärbarkeit umher. Was ist denn Sehnsucht, Hingabe, Unschuld, Bewahrung, Anmut und Achtung? 

Wir wollen, wie die Eltern im Märchen, dass unsere Kinder in Wahrhaftigkeit und angstfreier Umgebung groß werden. Und erst wenn die Meisterleistung der Erziehung mehr oder weniger gelungen ist, kann der nun stabile, junge Erwachsene rückblickend, im Nachhinein, der Gefahren der Kindheit gewahr werden. Sagenhaft! Und märchenhaft!

Bereit, sich nun selbst zu orientieren.

Dem Bären in Schneeweißchen und Rosenrot kann man ganz verschiedene Funktionen zuschreiben. Hochinteressant und wegen der Vielzahl von Deutungen eigentlich genau der Beweis dafür, was Märchen leisten, ohne zu diktieren und ohne sich demokratisch zu verhaspeln.

Ihr gestattet mir als Geschichtenerzähler, dem Bären aus dem Grimm’schen Märchen noch eine Aufgabe zukommen zu lassen.

»Eines Abends, als der alte Zottelbär wieder bei ihnen am Tisch saß, stand er auf und blickte sie ganz freundlich an, sprach viel unverständliches Zeug, fuchtelte mit den Armen umher und trollte sich nach kurzer Zeit wieder in die Welt hinaus. Und als er weg war, merkten sie, dass etwas fehlte. Das eine oder andere wollten sie noch zu ihm sagen, aber schon waren sie wieder ineinander verwoben und lachten und zankten, dass es nur so eine Freude war. Als es dunkel geworden war, brachte die Mutter die Kinder zu Bett und sagte:«

Er ist kein Engel, dieser Bär, aber ich wünschte, ihr könntet mal so fliegen wie er, die Dinge zu sehen von oben, leicht und doch so klar.

Frohe Ostern
Opa

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