Thema:

| von Lutz Richter

Konfirmation oder Jugendweihe?

Teil 1

Die Frage oben stellte ich meinem Sohn Alexander (40) etwa 5 Wochen vor der »Bekräftigung« der Taufe seiner Tochter Josi oder eben auch vor ihrer Weihe zum Eintritt ins Erwachsensein.

Ich bin ältlich und meist mit den Gedanken ganz woanders. Ich wollte mich nur bei ihm vergewissern. Ich hatte wieder einmal nicht richtig hingehört. Es war also eher eine organisatorische Frage als eine mit Hintergedanken.

Er antwortete: »Konfirmation – nein, Gott ist aus diesem Haus ausgezogen« und wies dabei mit dem Kinn kurz über die Schulter hin zum Haus. Wir saßen an der kalten Feuerschale, an einem kühlen, aber sonnigen Samstagnachmittag im April anno 2026. Diese Antwort von Alex war allerdings noch erfrischender. Mir wurde sofort klar: das war der Aufhänger für eine kleine Rede zur Jugendweihe am 16. Mai. Ich werde, sagte ich mir, den richtigen Moment abpassen und dann das Wort ergreifen: »Liebe Gäste«, werde ich sagen und mich eitel platzieren, »das, was Alexander da so gelassen ausspricht, ist nicht neu: Friedrich Nietzsche schrieb: ›Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittage eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: ‚Ich suche Gott! Ich suche Gott!‘ – Da dort gerade Viele von Denen zusammen standen, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er ein grosses Gelächter. Ist er denn verloren gegangen? sagte der Eine. Hat er sich verlaufen wie ein Kind? sagte der Andere. Oder hält er sich versteckt? Fürchtet er sich vor uns? Ist er zu Schiff gegangen? ausgewandert? – so schrieen und lachten sie durcheinander. Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken. ‚Wohin ist Gott? rief er, ich will es euch sagen! Wir haben ihn getödtet, – ihr und ich! Wir Alle sind seine Mörder!‘‹(1)

Und so ist es bis heute. Die Bedeutung dessen, was da jener alte Friedrich und der heutige Alex schwätzen, ist nach wie vor Grund zur Meinungsverschiedenheit, obwohl beide eigentlich alles deutlich machen.

  1. Für den orthodoxen Christen ist das die pure Gotteslästerung.
  2. Für den weichgespülten, sich in der Mitte der Gesellschaft wähnenden Mitläufer-Christen eine Ungenauigkeit im Glaubensverständnis und eher unbedenklich, denn so genau nimmt es die Kirche ja auch nicht, wenn sie Waffen segnet und Kinder missbraucht.
  3. Für Atheisten ist der Satz bedeutungslos, wenn sie ihn überhaupt noch reflektieren können … denn wie kann man töten, was es nicht gibt?

»Nun sitzt hier wahrscheinlich eine bunte Mischung von alledem zusammen«, wollte ich dann sagen, aber sogleich von der Einfältigkeit und dem Desinteresse der Anwesenden höflich ablenken, indem ich auf die Person aufmerksam machen wollte, um die es eigentlich an diesem Tag geht: »Nun habe ich noch genau fünf Minuten, um dieses Geräusch der Unbestimmtheit und der Gefahr, durch Grundsätzliches die Stimmung zu versauen, doch – denn das ist mit allen Worten immer mein Ziel – noch in eine herzliche Begrüßung unserer Josi im Kreis der Erwachsenen zu verwandeln.«

Teil 2

Die begriffliche Unterscheidung zwischen Firmung und Konfirmation, wie sie im Deutschen existiert, gibt es im Lateinischen und in den meisten anderen Sprachen nicht. Beide Rituale wollen vollenden, was die Taufe anstieß – die Entscheidung, sein Leben unter Gottes Gnade zu stellen – einer Verlässlichkeit in der dahinrasenden Vergänglichkeit. Nur es war kein Gott, der da sprach, es war von Anfang an Menschenwille und Menschenlist (um nicht Lüge zu sagen).

  1. Die Reformation veränderte daran nichts. Sie wiederholte nur zur Sicherheit den Bund mit unserem selbstgemachten Gott. Die Freikirchlichen sparten sich die Ungenauigkeit der Taufe und vollzogen den Bund erst dann, wenn die äußeren Geschlechtsmerkmale begannen, sich Rechte einzuräumen.
  2. Es waren die Naturwissenschaften, die die Kirche dorthin stellten, wohin sie gehört. Und es kam die Zeit, sich zu entscheiden – die kopernikanische Wende. Die Notwendigkeit, sich den Tatsachen des Universums im Kleinen wie im Großen zu stellen, ist dringender denn je. Die Geister des Allzumenschlichen wohnen wieder in den Häusern der Macht. Die Evangelikalen, die falschen Propheten zur Rechten Trumps, werden Furchtbares anrichten, dagegen werden die Hexenverbrennung und die pädophilen Priester und deren Brüder in allen Konfessionen der Neuzeit wie Kavaliersdelikte wirken.
  3. Alexander hat Nietzsche nicht gelesen, aber was wir uns da so alles zurechtlegen, passt schon von Natur aus nicht. Die Natur braucht keine Moral. Ein Bud(weiser) in Ehren kann keiner verwehren, aber seltene Erden sollten wir verwehren, solange die Art und Weise des Bergens nicht dem deutschen Reinheitsgebot entspricht.
    • Alles, was wir zurzeit im Haus und außerhalb des Hauses tun, hat mit einer Bewahrung der Schöpfung nichts zu tun.
    • Um zu wissen, was zu tun ist, sollten wir uns die Mühe machen, solche Übermenschen, Überflieger, wie Nietzsche Jesus nennt, kennenzulernen.
    • Schwierig, denn jeder von uns, nämlich die erste Person Singular, macht, was sie für richtig hält. Wir feiern unseren Tagesablauf und wundern uns, dass wir psychisch erkranken. Wir haben – nicht einmal ansatzweise – das Recht, zu sagen, wer Gott ist, und schon gar nicht, dass er ausgezogen ist! Wir wissen zu wenig.
  4. Wenn ihr nun aber denkt, ihr »Nicht-Gläubigen«, das geht euch nichts an, weil ihr nicht mehr an Gott glaubt, dann ist das eine noch viel größere Katastrophe, sicherlich eine gottlose, aber eben eine Katastrophe: Was gebt ihr denn nun Josi mit auf den Weg? Mit der Konfirmation waren wir fein raus, da hatten wir Jesus als Sündenbock, als Puffer zwischen uns und dem Nichts, aber was kommt nun? Und was habt ihr getan, dass Josi in Zukunft nicht den Evangelikalen in die Hände fällt? Ihr lasst all die Gottesbilder nach wie vor stehen und nennt es Meinungsfreiheit in der Demokratie. Diese Oberflächlichkeit in der wissenschaftlichen Arbeit ist verantwortungslos.
  5. Also, was geben wir Josi inmitten ihrer Adoleszenz als Mitgift?
    Reformen? Kriegswirtschaft? Allianzen? Ablenkungen, Ungenauigkeiten in der Geschichte? Spaß an Fake News und Spaß an der Lüge?? Dumm quatschen, vertuschen, kaufen und verkaufen, was keiner wirklich braucht? Luther hat die Bibel wenigstens noch übersetzt, damit wir verstehen, was Gott garantiert nicht gesagt hat. Aber was jetzt an Blödsinn fabriziert wird, kann kein Lehrer mehr übersetzen und einordnen. Wir lassen unsere Kinder mit diesen Unwahrheiten im Netz der sozialen Kakophonie sitzen. Im Gegenteil, unsere Kinder sagen uns, was richtig ist. Und wir erwischen uns dabei, gar nicht so traurig darüber sein, dass sie das eigentliche Übel gar nicht erkennen, denn dabei würden wir Erwachsenen nicht besonders gut wegkommen. Besser ist, sie werden so doof wie wir und machen dort weiter, wo wir aus Altersgründen aufhören.

Der Ausweg:  

Das Gesetz der Negation der Negationen: 

  1. aufheben des Falschen, im Sinne von verwerfen, es ungültig machen,
  2. aufheben des Richtigen, im Sinne von bewahren, es mitnehmen, es behalten,
  3. aufheben, im Sinne von, das Richtige auf ein noch höheres Niveau heben.

Zu 1.

Taufe, Konfirmation, Firmung, Kommunion sind die allzumenschlichen Versuche, glauben zu wollen, dass wir bereits errettet sind, wenn wir nur glauben. Der gleiche Blödsinn, wie den biblischen Spruch »Arme und Reiche habt ihr allezeit bei euch« als Grundlage für jede kapitalistische Wirtschaftstheorie und Wirtschaftsethik zu nehmen. Das alles gehört in die Museen, aber weg aus dem Leben. Der aufgeklärte Alexander schämt sich dessen, was wir einem Gott zumuten, wenn wir ihm danken, weil uns die Konsumtion gelingt. Und ihn schelten, wenn die Nachbarn uns nicht zum Grillen einladen.

Zu 2. 

Die Botschaft Jesu ist Gehorsamsethik par excellence. Wir sind ein Teil der Schöpfung und dessen sollten wir uns immer bewusst sein. Die erste Person Singular, »Ich«, steht in Abhängigkeit zur Natur. Den größten Anteil an unserer Persönlichkeit hat das Bewusstsein von der Welt, von Gaza, von der Kultusministerkonferenz und auch vom schwarzen Loch in der Mitte der Milchstraße. Dann kommt eine ganze Weile gar nichts, dann unser Körper und dann unser Spatzenhirn.

Zu 3.

Der Weg bis hierher hat gezeigt: Niemand kann zwei Herren dienen. Entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.

Ich übersetze, liebe Josi: Der Eintritt ins Erwachsenleben bleibt eine lauschige Reform, wenn du nur nachmachst, was wir gemacht haben. Wir dienen dem Mammon, dem Bankkonto, dem Gehalt, der Rente, dem Erbe, der Schönheitsmedizin und all den anderen krankmachenden Vergänglichkeiten.

Du hast die Chance auf eine Revolution. Dazu brauchst du Gefährten, keine sozialen Medien. Dazu brauchst du Überflieger, Vorbilder wie Jesus, die sich für die Wahrheit kreuzigen lassen und sich nicht einfangen lassen für Geld und oberflächliche Bequemlichkeiten.

Gehe in der Gewissheit, dass du Bestandteil eines Zusammenhanges bist, den du bis zu deinem Tode nie vollständig erkennen wirst, der dir aber die notwendige Demut verleihen soll, dich als verantwortlichen Teil dieses Wunders zu verhalten. Und du brauchst niemandem zu erklären, warum du dann ganz anders bist, es reicht, wenn du es tust.

Als sich Jesus vor dem Hohen Rat der Jerusalemer Gemeinde verantworten und zu den verlogenen Aussagen der herbeigeschafften Zeugen Stellung nehmen soll, schweigt er still.

Er könnte gedacht haben: »Was seid ihr nur für Narren, mit all den falschen Zeugnissen nehmt ihr der Welt die Göttlichkeit. Ihr inszeniert stattdessen eine hierarchische Ordnung der Werte und setzt ein Bild von euch an die Spitze. Schlimmer kann man einen Gott nicht lästern.“

 Diese gravierende Ungenauigkeit in der Widerspiegelung der Realität wird die Menschen dazu verführen, diesen Gott immer wieder als Begründung für abartige Handlungen zu verwenden oder ihn ganz aus seinem Haus ausziehen zu lassen.

Opa

Anmerkungen

(1) Friedrich Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft (1882). In: Ders.: Morgenröte. Idyllen aus Messina. Die fröhliche Wissenschaft. Kritische Studienausgabe (KSA). Band 3. Hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari. 2. Auflage. München 1988, S. 480–481.

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