Das reflektierende, verstehende und erkennende Bewusstsein kam hinzu und bereitet uns seither erkenntnistheoretische Probleme. Der Mensch ist biologisch gesehen für die gesamte Schöpfung nicht gerade etwas Besonderes, sondern in einem Massespielraum zwischen 3 kg und sagen wir 250 kg lediglich ein Exemplar der nun gesonderten Art Homo sapiens, die sich, historisch geworden, unter den Bedingungen einer bestimmten Erdanziehungskraft, einem bestimmten Luftdruck und einer bestimmten Temperatur entwickelt hat. Warum nun diese winzige Besonderheit einer Art im Universum, die nach den Gründen ihres Erscheinens fragt, sich selbst als Objekt betrachten kann und sich in die verschiedensten psychologischen Zustände versetzt, um sich von ihrem Narzissmus zu distanzieren, der sie daran hindert, ein natürliches Herdenbewusstsein zu entwickeln, bleibt noch immer ein Rätsel.
Die Neurowissenschaften versuchen die Erkenntnislücke zwischen Geist und Materie zu schließen; sie können prinzipiell nicht mehr leisten, als Bewusstseinsphänomene immer besser mit neuronalen Prozessen in Verbindung zu bringen. Die Reise dorthin hat, wenn überhaupt, gerade erst begonnen. Anstatt sich auf den Elsterauen in Leipzig und den Golanhöhen zwischen dem See Genezareth und der syrischen Hauptstadt Damaskus zu lagern und den lieben Gott für alles dankbar zu sein und ihm den letzten Grund zuzuschreiben, schnüffeln wir unentwegt im immer größer werdenden Horizont herum und fördern Dinge zutage, die die Eigenschaft besitzen, für diverse Verwendungen zur Verfügung zu stehen: einerseits zum Wohle, andererseits zum Leid seiner Entdecker.
Ursache für dieses Dilemma ist die Unvereinbarkeit der Perspektive der ersten Person und mit der der dritten Person.
Denken, fühlen und wollen (lieben, hassen, lügen, sich Verschwörungstheorien ausdenken und Begründungen finden, warum die Reichen nicht mehr besteuert werden sollen) beschreiben wir aus der Perspektive der ersten Person. Sie sind uns nur in dieser Perspektive unmittelbar zugänglich. In der wissenschaftlichen Beschreibung, die notwendigerweise in der dritten Person vonstattengeht, kommen diese Phänomene überhaupt nicht vor.
Diese »Reise zum Mittelpunkt der Erde« erlebt nun noch einen weiteren Höhepunkt, indem sich die Welt fragt: Was kann man (in der dritten Person) tun, dass die Welt nicht untergeht (und zum Beispiel nicht in der Plaste versinkt). Eigentlich ist das eine sehr kindliche Frage, denn es wäre nicht das erste Mal, dass die Biosphäre der Erde noch einmal von ganz vorne anfängt. Nur dass diesmal wir verantwortlich sind.
Also: wir haben das menschliche Bewusstsein – das vorletzte große Rätsel neben der notwendigen Heirat der Relativitäts- mit der Quantentheorie – noch lange nicht bestimmt. Anstatt aus Ehrfurcht niederzuknien und dem Wissen, das uns die Naturwissenschaften vom Leben geschenkt haben, zu danken, schwafeln wir von wirtschaftlichen Wachstumsnotwendigkeiten im Einklang mit den Wissenschaften.
Im Übrigen spräche das sogar für die Anwendung von KI, die dann auf Dauer vielleicht etwas mehr dritte Person, also etwas mehr Unpersönliches, gar einen nicht profitorientierten Universalismus in die kulturelle Vielfalt und deren Sprach- und Begriffsverwirrung bringen würde.
Wir können stundenlang über das Korallensterben diskutieren, uns auf ZDFinfo die geschmolzenen Gletscher anschauen oder uns von den Kabarettisten der ›Distel‹ in Berlin erzählen lassen, dass wir Deutschen unseren Elektroschrott nach Afrika verschiffen.
Was wollen wir tun? Korallen züchten und sie implementieren? Die Gletscher mit weißen Tüchern abdecken?
Im Kabarett klatschen oder weinen? So geschehen am letzten Wochenende. Das Kabarett findet sein Ende, wenn es ernst macht und versucht, die beiden Perspektiven (die der ersten und die der dritten Person) aufeinander zu reduzieren. »Ich« ist schwach, darüber kann man lachen. Aber zu wissen, dass man mit Glauben und Meinen die Unmenschlichkeit nicht beheben will (und kann), ist kein Grund zum Lachen.
»Wenn es nicht so ernst wäre, wäre es zum Lachen. Und, was sage ich Euch, es schert den Deutschen einen Scheißdreck. Er wird in alle Länder reisen: nach Saudi-Arabien, wo gefoltert und hingerichtet wird, in den Kongo in das Luxusresort, derweil hinterm Zaun einheimische Frauen von WHO-Mitarbeitern vergewaltigt werden. Mutti wird die Koffer packen und ihren Mann fragen, ob sie den Trägerlosen oder den Bikini vom letzten Jahr einpacken soll. Wir merken nicht, dass auch der Sieger vom Sieg nichts hat, weil er sich und die unendliche Schönheit dieser Lebenszeit für Vaterland, Job und Feierabendbier verraten hat.« (2)