Vorbilder

Kritische Disziplinierung der Orientierung

1. Platon
SIEBENTER BRIEF (Auszug)
 „…Da Viele mit der damaligen demokratischen Staatsverfassung unzufrieden waren, so entstand eine Umwälzung derselben, und einundfünfzig aristokratische Männer stellten sich an die Spitze derselben, davon walteten elf in der Stadt Athen und zehn in der Hafenstadt Peiraieus als Unterbehörden, jede von beiden in Markt- und andren notwendigen Polizei-Ämtern, die übrigen Dreißig aber machten sich zu unabhängigen Herrn des Staates. Unter diesen hatte ich einige Verwandte und Bekannte, und sonach luden sie mich alsbald zur Teilnahme an ihrer Politik, weil sie glaubten daß diese mir willkommen sein würde. Und da war es kein Wunder, wenn ich aus jugendlicher Unerfahrenheit mich dazu verleiten ließ. Ich hegte nämlich den Glauben, sie würden den Staat aus seinem moralisch zerrütteten Leben herausschaffen und ihre Verwaltung denn doch auf eine vernünftige moralische Grundlage stützen, und darin widmete ich ihren politischen Reformen ein aufmerksames Augenmerk. Nach meiner Beobachtung nun zeigten diese Herrn in kurzer Zeit, daß der frühere politische Zustand noch Gold gewesen war.

Und als ich erst sah, wie sie unter andern den Sokrates in seinen älteren Jahren, den mir so teuren Mann, welchen ich den Besten der damaligen Welt zu nennen keinen Anstand nehmen möchte, nebst anderen Gesellen ihres Gelichters ausschicken wollten, um ihnen einen der Bürger mit Gewalt, natürlich zur Schlachtbank, vorzuführen, und wie sie das offenbar aus keiner anderen Absicht taten als daß Sokrates, sei es mit oder ohne Willen, als Teilnehmer ihrer Politik gelte. Dieser aber folgte nicht ihrem Befehle und wollte sich lieber der größten Lebensgefahr unterziehen als ein Genosse ihrer verbrecherischen Staatshandlungen werden. Als ich, sag' ich alle diese und noch etwelche andere Greueltaten ansah, da bekam ich einen Ekel an dieser neuen Politik und zog mich zurück von der damaligen schlechten Aristokraten-Wirtschaft.“

2. Friedrich Schiller
Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte? - Eine akademische Antrittsrede. (Auszug)
„…Anders ist der Studierplan, den sich der Brodgelehrte, …vorzeichnet. …, dem es bei seinem Fleiß einzig und allein darum zu thun ist, die Bedingungen zu erfüllen, unter denen er zu einem Amte fähig und der Vortheile desselben theilhaftig werden kann, der nur darum die Kräfte seines Geistes in Bewegung setzt, um dadurch seinen sinnlichen Zustand zu verbessern und eine kleinliche Ruhmsucht zu befriedigen, ein solcher wird beim Eintritt in seine akademische Laufbahn keine wichtigere Angelegenheit haben, als die Wissenschaften, die er Brodstudien nennt, von allen übrigen, die den Geist nur als Geist vergnügen, auf das sorgfältigste abzusondern. Alle Zeit, die er diesen letztern widmete, würde er seinem künftigen Berufe zu entziehen glauben und sich diesen Raub nie vergeben. Seinen ganzen Fleiß wird er nach den Forderungen einrichten, die von dem künftigen Herrn seines Schicksals an ihn gemacht werden, und alles gethan zu haben glauben, wenn er sich fähig gemacht hat, diese Instanz nicht zu fürchten. Hat er seinen Cursus durchlaufen und das Ziel seiner Wünsche erreicht, so entläßt er seine Führerinnen – denn wozu noch weiter sie bemühen? Seine größte Angelegenheit ist jetzt, die zusammengehäuften Gedächtnißschätze zur Schau zu tragen und ja zu verhüten, daß sie in ihrem Werthe nicht sinken. Jede Erweiterung seiner Brodwissenschaft beunruhigt ihn, weil sie ihm neue Arbeit zusendet oder die vergangene unnütz macht; jede wichtige Neuerung schreckt ihn auf, denn sie zerbricht die alte Schulform, die er sich so mühsam zu eigen machte, sie setzt ihn in Gefahr, die ganze Arbeit seines vorigen Lebens zu verlieren. Wer hat über Reformatoren mehr geschrieen als der Haufe der Brodgelehrten? Wer hält den Fortgang nützlicher Revolutionen im Reich des Wissens mehr auf, als eben diese? Jedes Licht, das durch ein glückliches Genie, in welcher Wissenschaft es sei, angezündet wird, macht ihre Dürftigkeit sichtbar; sie fechten mit Erbitterung, mit Heimtücke, mit Verzweiflung, weil sie bei dem Schulsystem, das sie vertheidigen, zugleich für ihr ganzes Dasein fechten. Darum kein unversöhnlicherer Feind, kein neidischerer Amtsgehilfe, kein bereitwilligerer Ketzermacher als der Brodgelehrte. Je weniger seine Kenntnisse durch sich selbst ihn belohnen, desto größere Vergeltung heischt er von außen; für das Verdienst der Handarbeiter und das Verdienst der Geister hat er nur einen Maßstab, die Mühe. Darum hört man Niemand über Undank mehr klagen, als den Brodgelehrten; nicht bei seinen Gedankenschätzen sucht er seinen Lohn, seinen Lohn erwartet er von fremder Anerkennung, von Ehrenstellen, von Versorgung. Schlägt ihm dieses fehl, wer ist unglücklicher als der Brodgelehrte? Er hat umsonst gelebt, gewagt, gearbeitet; er hat umsonst nach Wahrheit geforscht, wenn sich Wahrheit für ihn nicht in Gold, in Zeitungslob, in Fürstengunst verwandelt…“

3. Eine Frau
DIE ZEIT, AUSGABE 39/01 vom 20.09.2001, Irene Dische: Als wir noch Kinder waren, Eine New Yorker Utopie – mitten in der Katastrophe (gekürzt)
„Der Ruf nach Vergeltung stammt nicht aus New York, sondern aus den Fernsehstudios. Widerspruch war nicht erwünscht. Aber manchmal rutschte er eben doch ins Programm. Zum Beispiel in ein haarsträubendes Interview der Fernsehikone Barbara Walters. Hinter perfekt geschminkter Mitleidsmaske fragte die Journalistin die schnell ausfindig gemachten Trauernden, was sie jetzt fühlten, unter ihnen eine Frau, die "ihr Liebstes", ihren Mann, verloren hatte. Sie alle weinten, hielten Fotografien der Opfer hoch, Verlobte, Freunde, Brüder, und sie flehten die Zuschauer an, beim Suchen zu helfen. Die Kamera verwandelte sich in einen Voyeur.
Bis jene Frau ins Bild kam, deren Mann Sommelier im Windows on the World gewesen war, dem Restaurant in der höchsten Etage des Turms, der als erster fiel. Die junge Frau war traurig, aber gefasst, und sie sagte Mrs. Walters, sie wisse, dass ihr Mann tot sei, und hege keine Hoffnung, ihn je wiederzusehen. Doch sie sei sich auch gewiss, dass ihr Mann eine Botschaft an das amerikanische Volk hätte. "Was für eine?", fragte Mrs. Walters, gespannt auf einen emotionalen Höhepunkt. Die Witwe blickte direkt in die Kamera und sagte: "Er würde jede Rache ablehnen. Keine Vergeltung. Keine Rache. Er würde mit den Tätern sprechen wollen. Sein Tod kann nicht rückgängig gemacht werden, indem wir das Blut anderer Menschen vergießen." Mrs. Walters war tief schockiert. "Wie meinen Sie", stotterte sie, "glauben Sie, dass wir unsere andere Wange hinhalten sollen?" (War das nicht eine alte christliche Idee?)
Die junge Witwe wollte nicht streiten, sondern wiederholte ihren Standpunkt: "Ich weiß, dass er daran glaubte, ein Gespräch sei fruchtbarer als Gewalt.
Wir sollten versuchen, eine Wiederholung dieses Verbrechens zu verhindern, indem wir mit denen, die uns hassen, zu einem gemeinsamen Verständnis kommen… Unter all den Wiederholungen auf den Kanälen tauchte dieses Interview nicht mehr auf.“

 
Philosophie – nur die Eintrittskarte –
Dass alles auch ganz anders sein kann, bleibt unbenommen, aber die Kritik an der Erkennbarkeit wird nicht umhinkommen, Zwischenergebnisse zu formulieren, die wissenschaftlicher sind als die vorhergehenden Ergebnisse. Man darf eben nicht mehr dahinter zurück, dass z.B. die Natur nicht nur Spielplatz für den Menschen ist, sondern auch Maßstab.
Was wird aus den Kritiken: Nietzsche spricht von einer christlichen „Moral-Hypothese“, nicht einmal von einer Theorie. Marx spricht ähnlich indem er sagt: „Die Philosophen haben die Welt unterschiedlich interpretiert, jetzt kommt es darauf an, sie zu verändern.“
War das alles bloß Schaumschlägerei? Haben sich die Christen inzwischen zur Überwindung des abendländischen Menschen gemausert? Oder haben die Heerscharen von Philosophen der Wirtschaft inzwischen einen Maulkorb angelegt? Mitnichten. Die Unfähigkeit der Philosophen, selbst die Aufklärung zu leben und zu praktizieren, lässt der Religion seit Marx und Nietzsche und vielleicht auch gerade wegen eines „nicht zu Ende kommenden“ Heidegger immer noch seine Antwortmöglichkeiten.
Anstatt die Wissenschaft fröhlich auszuleben und die alten Welt- und Gottesbilder endlich zu begraben, sie durch göttliche Bilder der Kern- und Astrophysik zu ersetzen, erlebt die Metaphysik in ihren kontraproduktivsten Formen ihre Renaissance, indem sie Gott wieder durch Verbalinspiration zu uns sprechen lässt.
Könnte es sein, dass wir gar nicht mehr verlangen können, dass es das auch schon war; dass Philosophie nur Richtungen zeigt, Signale setzt und Anhaltspunkte zeichnet? Beunruhigend ist, derweil die Herde auf „beruhigen- deren“ Weiden bleibt?
Was haben die Propheten nicht alles schon in biblischer Zeit geschimpft und geklagt – hat sich was verändert? Wie erschreckend nüchtern bezeichnet der Hinduismus das Zeitalter, in dem wir leben: Zeitalter des Verlustes: „Kali Yuga“.