Ihr Einstieg ist die Umkehr

1. Lernen - zum Umdenken

Die Busfahrt

„Stellen Sie sich bitte vor, Sie fahren in einer Großstadt mit dem Bus. Der Busfahrer ist einen Augenblick abgelenkt, überfährt ein Sackgassenzeichen und den Hinweis auf keinerlei Wendemöglichkeiten für LKW gleich mit.

Ohne ein Anzeichen von Unsicherheit fährt der Bus einem Ende entgegen – was aber keiner der Insassen bemerkt.
Sie schauen aus dem Fenster, vertrauen auf die Autorität des Busfahrers und genießen den Ausblick oder hängen Ihrenen Gedanken nach. Vorbei an bunten Geschäften, parkenden Autos, Lieferfahrzeugen, die den Verkehr behindern, ab und zu ein Blick von einem Passanten, Schilder, Bänke und Banken, Seitenstraße, die für kurze Augenblicke dem Auge einen Weitblick erlauben.
Um sie herum sitzen „Leidensgenossen“. Jeder Fahrgast hat eine andere Position im Bus, jeder sieht aus einem anderen Winkel, von einem anderen Standort aus, hat eine andere Umsicht und trotzdem sind alle durch die gemeinsame Fahrt verbunden.
Wer fängt als erster an zu zweifeln: der mit dem übersichtlichsten Sitzplatz, der sich am besten an den Weg erinnern kann, oder der Busfahrer?
Der Busfahrer ist prädestiniert, aber was tun, wenn ihn die Wahrheit seinen Job kostet?“
(Richter, Reihen und Folgen)

2. Verzicht auf Gegenseitigkeit

Lew Nikolajewitsch Tolstoj (1828 – 1910)

„Mein Abfall vom Glauben vollzog sich so: man lebt, wie alle leben, und alle leben auf Grund von Prinzipien, die nicht nur nichts mit der Glaubenslehre gemein haben, sondern ihr meistens widersprechen: die Glaubenslehre hat keinen Anteil an unserem Leben; weder in den Beziehungen zu anderen Menschen stoßen wir auf sie, noch setzen wir uns selbst in unserem eigen Leben mit ihr auseinander, zur Glaubenslehre bekennt man sich dort irgendwo, fern vom Leben und unabhängig von ihm.“
(Lew Nikolajewitsch Tolstoj, Meine Beichte, Jena 1922, S. 9)


„... Alles, was mich umgibt, die Ruhe, meine und der Familie Sicherheit, mein Besitz — alles war aufgebaut auf dem Gesetz, das von Christus verworfen ward, auf dem Gesetz: Zahn um Zahn.

Die kirchlichen Lehrer lehrten, daß die Lehre Christi göttlich, daß seine Erfüllung jedoch unmöglich sei wegen der menschlichen Schwachheit und daß allein die Gnade Christi seine Erfüllung bewirken könne. Die weltlichen Lehrer und die gesamte Ordnung des Lebens erkannten bereits direkt die Unerfüllbarkeit, die Illusion der Lehre Christi an und lehnen mit Worten und Taten das ab, was dieser Lehre entgegen ist. Diese Anerkennung der Unerfüllbarkeit der Lehre Gottes drang allmählich, unmerklich so sehr in mich ein, wurde mir gewohnt und fiel so sehr mit meinen Begierden zusammen, daß ich früher niemals den Widerspruch bemerkte, in dem ich mich befand. Ich sah nicht, daß es unmöglich ist, zu ein und derselben Zeit sich zu Christus-Gott zu bekennen, dessen Grundlehre das »Widerstehe nicht dem Bösen« ist, und wissentlich und ruhig für die Institutionen des Besitzes, der Gerichte, des Staates, des Heeres zu arbeiten, das Leben entgegen der Lehre Christi einzurichten und zu diesem Christus darum zu beten, daß sich unter uns das Gesetz des »Widerstehe nicht dem Bösen« und des Verzeihens erfüllen möge. Mir kam noch nicht in den Kopf, was jetzt so klar ist: daß es weitaus einfacher gewesen wäre, das Leben nach dem Gesetz Christi zu ordnen und einzurichten, aber dann erst dafür zu beten, daß Gerichte, Strafen, Heere seien, falls sie für unser Wohlergehen so notwendig sind.

Und ich verstand, aus was mein Irrtum entstand. Er entstand aus dem Bekenntnis zu Christus mit Worten und Seiner Verneinung durch das Tun...“
(Lew Nikolajewitsch Tolstoi, Mein Glaube, Berlin 1901, in: Russland, hrsg. v. Martin Winkler, o.O. 1955 (= Slavische Geisteswelt, 1), S. 278)

 

Wissend teilhaben – Was für mich gut ist, kann für einen anderen schlecht sein. Es beginnt damit zu sagen: Ich handle mit gutem Gewissen, oder – wie Sokrates formuliert haben soll: Denn jeder tut das, was er tut, weil er es für gut hält. Nun ist das "Wissen" über das Gute nicht automatisch relativ. Es bedarf der überprüfung, was für Konsequenzen mein Handeln haben wird. Nach gutem Gewissen reicht nicht, es bedarf der Fachlichkeit.

Der Idealfall wäre, das zu tun, was das aktuelle Wissen über die Ursachen (aus der Geschichte), die Bedingungen (in der Gesellschaft) und den Folgen (für die Zukunft) hergibt.


Mit der natürlichen Möglichkeit zum Denken, ist der Menschen an diese Gegebenheit gebunden. Damit ist er verpflichtet, die denkende Haltung des vis-Ă -vis anzuerkennen. Die Teilhabe am Wissen ist kein Privileg sondern ganz natürlich.

L.R. Reihen und Folgen, 2009, unveröffentlicht