Attraktivität der Anhaltspunkte

Wissend Teilhaben ist ein Weg von der Angst, der Krankheit zum Tode, geheilt zu werden. Es stellt kein System vor, sondern zeigt an, wo Menschen begonnen haben, sich zu erheben aus ihrer Unmündigkeit. Diese Philosophie der Orientierung kann also nie vollständig sein, sondern kann nur mit Anhaltspunkten dienen. So gesehen, haben wir es bei all den Typen aus der Philosophie und Theologie und ihren schriftlichen oder erzählten Überlieferungen nur mit Anhaltspunkten zu tun. Diese können zu eigenen Standpunkten werden, wenn man sie in Zeit und Raum wissend abgleicht und bereit ist kritisch zu prüfen, ob damit der alte Mensch überwunden werden kann.
So gesehen verschmelzen all die Spezialisten in dem Punkt, wo aus der Not des Bekennens die Freude am Übergang wird. Das könnte man dann auch die Liebe am Leben nennen.
Die Attraktivität der Anhaltspunkte liegt u.a. auch in der Abkürzung der Orientierung: Schade um den, der erst im Anblick des Todes erkennt, was zu tun gewesen wäre.
Die Attraktivität der Anhaltspunkt liegt in ihrer Stringenz der Reihenfolge in dem Sie vertragen und umgesetzt werden können. Somit erhält das Gesetz der Negation der Negation eine ganz wesentliche Rechtfertigung. Die Orientierung am dreifachen Aufheben.

Es kommt eben nicht darauf an, zu fragen was gesagt worden ist, wie Professor Stegmaier in seinen Vorlesungen über Nietzsche klar macht, sondern wo die Forschung jetzt angekommen ist, wenn diese Nitzsche rezitiert:

"In der Vorlesung wird stattdessen nach dem jetzt erreichten Stand der Nietzsche-Forschung gefragt, worin Nietzsches Philosophie das aktuelle philosophische und alltägliche Denken neu orientiert hat, oder orientieren könnte. Dies war:
- sein Verzicht auf >Sein<, >Wahrheit< und >Vernunft< im philosophischen Denken zugunsten der >Flüssigkeit des Sinns<,
- sein Verzicht auf das >Subjekt< zugunsten der Performativität des Sprechens,
- sein Verzicht auf >allgemeine Notwendigkeit< zugunsten einer >fröhlichen Wissenschaft<,
- sein Verzicht auf das >System< zugunsten wechselnder Kontexte,
- sein Verzicht auf >Gleichheit< unter den Menschen zugunsten von >Vornehmheit<,
- sein Verzicht auf einen >normativen Humanismus< zugunsten von Kreativität (>Schaffen<) und Gabe ohne Gegenseitigkeit (>Schenken<),
- sein Verzicht auf den >moralischen Gott< zugunsten eines Routinen störenden >fremden< Gottes (>Dionysos<)."
(Prof. Dr. Werner Stegmaier, Vorlesung zur Theoretischen, zur Praktischen und zur Religionsphilosophie: Nietzsches Neuorientierung der Philosophie I)

Struggle for life – Was sind denn für Werte entstanden, derer wir uns heute rühmen könnten?
Es muss uns doch wohl klar sein, dass der Maßstab der Aufklärung ein Minimum an Verbindlichkeit darstellt, hinter das wir eigentlich nie wieder zurück dürften. Sind wir aber nicht, darum befinden wir uns immer noch im Kriegszustand.(*)
Auch das ist nicht neu: Im Jakobusbrief können wir lesen: “Denn wenn jemand das ganze Gesetz hält und sündigt gegen ein einziges Gebot, der ist am ganzen Gesetz schuldig.“ (Jak 2,10)

Genau da liegt unser nicht geklärtes Problem: Wir haben die Komplexität unserer Wirkungen auf die Umwelt und uns selbst nicht verloren, sondern noch nicht gefunden. Wenn ich durch das Gründen einer Bank dasselbe erreichen kann, wie durch das Ausrauben einer Bank (B. Brecht), das eine aber legitim und das andere strafbar ist, dann sind wir immer noch im Kriegszustand. Die Nachlässigkeiten scheinen keinen Anfang, keinen Adressaten zu haben, darum die rhetorische Frage: Wie kam das Böse in die Welt? Die Genealogie der Irrtümer verläuft in versetzten Kontinuitäten und in vierdimensionalen Kausalketten, darum scheint es, als ob der einzelne Mensch letztlich unschuldig ist, an dem was IST. Die Vergangenheit wird zum Alibi für heutiges Übel. Wir setzen altem Übel neues hinzu, damit geht es uns für den Moment besser, aber wir bereiten gleichzeitig den Boden für noch größere Übel vor. (Richter, Reihen und Folgen, Buch 1, 9)

(*) „VON NATUR AUS HAT JEDER EIN RECHT AUF ALLES. Und weil der Zustand des Menschen… ein Zustand des Krieges eines jeden gegen jeden ist, wobei jeder von seiner eigenen Vernunft geleitet wird und es nichts gibt, dessen er sich bedienen kann, das ihm nicht eine Hilfe bei der Erhaltung seines Lebens gegen seine Feinde sein mag, folgt daraus, daß in solch einem Zustand jeder ein Recht auf alles hat, sogar auf den Körper eines anderen. Und solange dieses Naturrecht jedes Menschen auf alles andauert, kann es daher für keinen Sicherheit geben (wie stark oder weise er auch sein mag), so lange zu leben, wie es die Natur des Menschen üblicherweise gestattet…“ Thomas Hobbes, Leviathan, Meiner 1996, S. 108.

Wenn der HERR nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen. Wenn der HERR nicht die Stadt behütet, so wacht der Wächter umsonst.
Es ist umsonst, daß ihr früh aufsteht und hernach lange sitzet und esset euer Brot mit Sorgen; denn  seinen Freunden gibt er es im Schlaf. (Ps. 127,1)